Von der Idee zur Umsetzung – Unterstützung durch den Kompass Nachhaltigkeit im Beschaffungsprozess

Im Interview: Ann-Kathrin Voge, Projektleiterin bei der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, ENGAGEMENT GLOBAL gGmbH

Das Interview ist Teil des Sondernewsletters Faire Beschaffung von Warnschutz- und Arbeitskleidung (April 2020) und wurde durchgeführt von Mareike Grytz, Entwicklungsagentur Faire Metropolregion Nürnberg.

Ausgangspunkt für das Interview ist das Fallbeispiel ‚Musterstadt‘ – eine Kommune, die sich kürzlich dem Pakt zur nachhaltigen Beschaffung in der Metropolregion Nürnberg angeschlossen hat. In Musterstadt steht die Beschaffung von Warnsicherheits- und Arbeitskleidung an. Diese soll natürlich fair sein. Es ist das erste Mal, das Musterstadt in diesem Bereich fair beschafft. Ann-Kathrin, mit welchen Informationen unterstützt der Kompass Nachhaltigkeit Kommunen wie Musterstadt bei der fairen Beschaffung?

Bei einem Beispiel wie der Kommune Musterstadt, die ganz neu an das Thema Faire Beschaffung von Arbeitsbekleidung herangeht, bestehen wahrscheinlich zunächst viele Fragen und noch wenige Antworten und Erfahrungswerte.

Ein kurzer Weg für die Kommune, um an Informationen oder Wissen zu kommen, kann natürlich zunächst der Blick in die Nachbarkommunen sein. Vielleicht gibt es Kommunen, die hier schon Erfahrungen haben und unterstützen können.

Ansonsten bietet der Kompass Nachhaltigkeit als direkt öffentlich zugängliche Internetplattform viele Informationen und Antworten auf Fragen, die sich typischerweise stellen, wenn sich Kommunen mit dem Thema Faire Beschaffung erstmals auseinandersetzen. Das sind Fragen wie beispielsweise ‚Was kann ich in dem für mich gültigen Rechtsrahmen überhaupt machen?‘. Bei Musterstadt wäre das die Frage ‚Was ist Kommunen in Bayern gestattet und welche Möglichkeiten haben sie, soziale Kriterien in die Vergabeverfahren einzubinden? Oder gibt es sogar Verpflichtungen, was eingebunden werden muss?‘.

Außerdem gibt es im Kompass viele Umsetzungsbeispiele aus anderen Kommunen. Sowohl aus Bayern, wo derselbe Rechtsrahmen gilt, aber auch aus anderen Bundesländern, wo vergleichbare Beispiele vorliegen. Dort kann ich mich grundlegend informieren, wie die Umsetzung bei anderen erfolgt ist. Wenn es für den eigenen Kontext passt, kann ich mir einiges auch abschauen. Zum Beispiel ‚Welche Kriterien wurden angelegt?‘, ‚Wie sind die Ausschreibung und Leistungsbeschreibung formuliert oder wie ist die Bewertungsmatrix gestaltet?‘.

Unabhängig von den Beispielen bietet der Kompass auch grundlegende Informationen zu den Produktgruppen. Was sind zum Beispiel die wichtigsten sozialen und ökologischen Herausforderungen, die ich mit der Ausschreibung in Angriff nehmen sollte? Welche Kriterien kann ich bei dem Produkt ansetzen - gibt es schon Gütezeichen oder Mitgliedschaften, die Unternehmen eingehen bzw. beantragen können, die als Nachweis für meine Kriterien dienen können? Gibt es Unternehmen, die die Gütezeichen und Mitgliedschaften schon haben? So erhalte ich umfassende Informationen darüber, wie der Markt aussieht, welche Möglichkeiten ich in der Umsetzung habe und wie ich diese, angepasst an meinen Kontext, konkret nutzen kann.

 

Musterstadt geht nun in die konkrete Ausschreibung. Hier gibt es eine weitere Unterstützung - vor kurzem wurde auf dem Kompass Nachhaltigkeit ein neues Vergabetool eingeführt. Wie können Kommunen das Tool für ihre Vergabeverfahren nutzen?

Das Tool ist entstanden aus dem Bedarf und den Fragestellungen einer Kommune heraus. Ausschlaggebend war die Frage, wie Kommunen vorgehen können, wenn es vor Ort niemanden gibt, die oder der bei der Fairen Beschaffung unterstützen kann. Der Kompass bietet zwar viele Informationen, das Tool übernimmt aber soweit wie möglich die Hilfestellung und führt durch den Prozess.

Es führt durch mehrere Fragen durch und anhand meiner Antworten, wie beispielsweise zum Rechtsrahmen, der Produktgruppe, aber auch der Marktsituation bietet es Schritt für Schritt Recherchetipps sowie Empfehlungen zu einer oder mehreren Umsetzungsvarianten an. Daran kann ich mich orientieren. Es geht also konkret um die Fragen, die vor der eigentlichen Ausschreibung zu beantworten sind.

Das Tool kann, wenn es sich um ein Produkt handelt, das auf dem Markt gut verfügbar ist, beispielsweise empfehlen, dass ich die Kriterien direkt in die Leistungsbeschreibung setzen könnte. Bei einem Produkt, bei dem der Markt erst am Anfang steht, es erste Pilote aber keine breite Verfügbarkeit von Produkten gibt, empfiehlt das Tool, die Kriterien in die Zuschlagskriterien aufzunehmen. So können Unternehmen Pluspunkte erhalten, die weiter sind als andere Unternehmen.

 

Machen wir einen Perspektivwechsel zur Anbieterseite: der Kompass Nachhaltigkeit listet Firmen und Anbieter von fairer Warnsicherheits- und Arbeitskleidung. Wie läuft der Aufnahmeprozess für Unternehmen ab, die dort gelistet werden wollen?

Es gibt ganz verschiedene Wege, wie Unternehmen auf uns zugehen können. Zum einen wird auf dem Kompass an verschiedenen Stellen darauf aufmerksam gemacht, dass Unternehmen sich bei Interesse per E-Mail melden können. Wir gehen aber auch aktiv auf Unternehmen zu. Beispielsweise über die Zertifizierer, die Datenbanken ihrer zertifizierten Unternehmen haben. Auch wenn wir Hinweise aus Kommunen bekommen, die erfolgreiche Vergaben durchgeführt haben, nehmen wir den Kontakt mit den Bietern auf, die zertifizierte Produkte im Angebot haben.

Die Unternehmen müssen mindestens ein Gütezeichen führen, das vom Kompass Nachhaltigkeit anerkannt ist. Über ein Formular können die Unternehmen mitteilen, welche Produkte mit welchen Gütezeichen verfügbar sind. Zusätzlich wird von den Unternehmen pro Produkt für ein Gütezeichen ein Zertifikat zur Nachprüfung angefordert. Natürlich müssen die Unternehmen auch ihr Einverständnis geben, mit einer benannten Ansprechperson öffentlich gelistet sein zu wollen. Im regelmäßigen Abstand werden die Unternehmen gebeten, Ihre Angaben zu aktualisieren.

 

Zum Abschluss eine letzte Frage - was motiviert und begeistert Dich persönlich an der Arbeit mit dem Kompass Nachhaltigkeit?

Das sind verschiedene Dinge – was ich besonders schön am Kompass finde, ist die Idee, dass man Informationen frei verfügbar, zielführend und niedrigschwellig finden kann, die bei der Umsetzung von einem fairen und nachhaltigen Vergabeprozess unterstützen.

Man kann alle Informationen bündeln. Gleichzeitig ist es ein Geben und Nehmen – alle Kommunen, die erfolgreich faire Beschaffungen durchgeführt haben und Umsetzungserfahrung haben, sind eingeladen ihre Beispiele beizusteuern. Von den Kommunen wird dieses Angebot auch immer stärker genutzt und wir bekommen dies von den Kommunen positiv zurückgespiegelt.

Es können natürlich mehr gute Beispiele werden – hiermit spreche ich eine herzliche Einladung an die Kommunen der Fairen Metropolregion Nürnberg aus, ihre Beispiele beizusteuern!

Es gibt über 11.000 Kommunen in Deutschland, die den größten Anteil an öffentlichen Vergaben in Deutschland haben. Es ist daher wichtig, dass jede Kommune, unabhängig von ihrer Größe, fundierte und gebündelte Informationen finden kann. Daher macht es mir sehr viel Spaß an dem Projekt mitzuarbeiten und auch die Angebote weiterzuentwickeln.

Kontakt und Links:

Kompass Nachhaltigkeit: https://www.kompass-nachhaltigkeit.de/

Vergabetool des Kompass Nachhaltigkeit: https://www.kompass-nachhaltigkeit.de/vergabetool/

Kontakt für allgemeine Rückfragen: info@kompass-nachhaltigkeit.de

 Kontakt Engagement Global /
Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW):

Ann-Kathrin Voge
Servicestelle Kommunen in der Einen Welt
Engagement Global gGmbH
ann-kathrin.voge@engagement-global.de
Telefon: +49 (0)228 20717-158