Beschaffung fairer Textilien in großen und kleinen Kommunen – so kann’s gehen

Im Interview: Rosa Grabe, Projektleitung Faire Öffentliche Beschaffung, FEMNET e.V.

Das Interview ist Teil des Sondernewsletters Faire Beschaffung von Warnschutz- und Arbeitskleidung (April 2020) und wurde durchgeführt von Mareike Grytz, Entwicklungsagentur Faire Metropolregion Nürnberg.

Rosa, kannst Du unseren Leserinnen und Lesern in der Fairen Metropolregion Nürnberg vorstellen, was FEMNET e.V. macht und wie Deine Arbeit als Projektleitung für faire öffentliche Beschaffung aussieht?

FEMNET e.V. ist eine Frauenrechtsorganisation, die sich für bessere Arbeitsbedingungen für Menschen, vor allem für Frauen, in der Bekleidungsindustrie einsetzt. Wir wollen konkret, dass die Menschen, die unsere Kleidung produzieren das unter besseren Bedingungen tun können. Das machen wir mit ganz verschiedenen Projekten, beispielsweise durch Bildungsarbeit. Wir haben in der aktuellen Pandemie Situation einen Nothilfefond eingerichtet, damit sich die besonders betroffenen Menschen weiterhin Lebensmittel kaufen können.  

Mein Fokus ist die faire öffentliche Beschaffung. Seit 2015 beraten wir Kommunen, kleine und große, dabei, wie sie soziale Kriterien in die Beschaffung von Textilien mit einbauen können.

 

Wo siehst Du aktuell in der Bekleidungsindustrie die größten Missstände und welche Chance bietet die Faire Beschaffung?

Man kann einmal auf den privaten Konsum schauen – der hat sich in den letzten Jahren erheblich gesteigert, Stichwort Fast Fashion. Wir kaufen viel mehr Bekleidung, als es noch vor 10 Jahren der Fall war. Das zieht viele Probleme mit sich. Der Druck in der Produktion wird immer höher, die Preise werden immer niedriger. Die Löhne, die gezahlt werden, reichen überhaupt nicht aus. Das ist leider nicht nur in Bangladesch so, wo man das vor Augen hat, sondern oft auch in Osteuropa, was vielen nicht bewusst ist. Die Löhne machen dort oft nur 10-20% Prozent von dem aus, was ein existenzsichernder Lohn für eine Familie wäre. Von dem eine Familie grundlegenden Dinge wie Essen, Miete und Arztbesuche abdecken kann.

Viele Arbeitsrechte werden missachtet. Beispielsweise erzwungene und unangekündigte Überstunden, die nicht extra bezahlt werden. Der Sicherheitsaspekt spielt eine große Rolle, Rana Plaza ist sicher allen ein Begriff. Es wird viel gespart, indem die Gebäude nicht sicher gemacht werden, oder indem man den Menschen nicht genügend Schutzausstattung gibt, beispielsweise Handschuhe. In der Schuhherstellung ist die Lederproduktion besonders problematisch, die Leute arbeiten dort ohne Schutzkleidung inmitten von unglaublich vielen Chemikalien, das ist in der Textilproduktion auch beim Färben der Fall. Da könnte ich Stunden weitererzählen, was es dort für Missstände gibt.

Die faire öffentliche Beschaffung kann hierzu ganz konkret Vorgaben machen. Viele fangen mit den ILO Kernarbeitsnormen an, was auch schon ein Schritt in die richtige Richtung ist. Bei dem Einhalten der ILO-Kernarbeitsnorm wie das Verbot von ausbeuterischer Kinderarbeit und das recht auf Versammlungsfreiheit kann man aber eigentlich immer noch nicht von fairer Beschaffung sprechen. Die faire Beschaffung sollte perspektivisch darüber hinaus gehen, indem auch weitere ILO Normen wie zu einer gerechten Entlohnung eingefordert werden. Auch ökologische Kriterien sollten, wenn möglich, eingefordert werden. Dass beispielsweise bestimmte Chemikalien nicht vorkommen dürfen, die durch die Haut aufgenommen werden. Nicht nur im Hinblick auf die Trägerinnen und Träger, die die Kleidung am Ende nutzen, sondern auch im Hinblick auf die Menschen, die die Kleidung produzieren. Das können Kommunen konkret fordern und in ihre Kriterien in der Beschaffung einbauen, in dem sie sich auf bestimmte Siegel und Mitgliedschaften in Multistakeholder Initiativen berufen

 

Mit Blick auf das Thema faire Warnschutz- und Arbeitskleidung – hast Du Tipps und Praxisbeispiele wie Kommunen das Thema angehen können?

Es kommt natürlich darauf an, wie die Beschaffung organisiert ist und in welcher Höhe beschafft wird. Gerade im Bereich der Schutzkleidung gibt es schon viele faire Anbieter. Bei kleineren Beschaffungen kann man also direkt faire Kleidung kaufen oder sich nur Angebote von fairen Anbietern einholen. Bei großen Ausschreibungen gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Kriterien in den Ausschreibungen zu integrieren. Mittlerweile ist das in Deutschland auch gängige Praxis und es gibt zahlreiche Beispiele an denen man sich orientieren kann. In beiden Fällen ist der Kompass Nachhaltigkeit (www.kompass-nachhaltigkeit.de) sehr hilfreich.

 

Wie unterstützt ihr bei FEMNET e.V. die Kommunen in dem Prozess bzw. welche Angebote können die Kommunen aus der Metropolregion Nürnberg zum Beispiel in Anspruch nehmen?

Für Entscheidungsträger_innen, Beschaffer_innen und Nutzer_innen von Kleidung und Schuhen bietet FEMNET maßgeschneiderte Unterstützung in Form einer Impulsberatung an. Entsprechend der jeweiligen Ausgangssituation identifizieren wir gemeinsam, welches die nächsten Schritte zur Umsetzung Ihres öko-fairen Beschaffungsprojektes sind und welche Akteure Sie dazu brauchen. Unser Workshopangebot richtet sich an Kommunen jeglicher Größe im ganzen Bundesgebiet und findet als In-House-Workshop bei Ihnen statt.

Außerdem bieten wir Schulungen an, die sich an all diejenigen, die in der Kommune zur fairen öffentlichen Beschaffung aktiv werden wollen - sei es hauptamtlich oder im Ehrenamt, richten. Zu unseren Teilnehmenden zählen beispielsweise Koordinator_innen kommunaler Entwicklungspolitik, Stadträte, interessierte Bürger_innen und Aktive im fairen Handel.

Inhaltlich beschäftigt sich das nächste Vernetzungs- und Fortbildungstreffen im Oktober 2020 mit aktuellen Themen und Entwicklungen im Vergaberecht und weiteren neuen Themen, soll aber vor allem dem Erfahrungsaustausch zwischen den Multiplikator_innen und der gemeinsamen Strategieentwicklung für die Umsetzung einer fairen öffentlichen Beschaffung dienen.

Hilfreich sind auch unsere Publikationen, in denen wir unsere fünfjährigen Erfahrungen zu dem Thema verschriftlicht haben. Von Handbüchern für kleinere Kommunen, Rechtgrundlagen für die faire Beschaffung, Nachweisführungen von Siegeln und Alternativen bis hin zu Studien in Ländern, in denen Berufsbekleidung produziert wird ist alles dabei.  

 

Zum Abschluss eine letzte Frage Rosa, welche Wünsche hast Du für die Zukunft der fairen Beschaffung – zum Beispiel im Hinblick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen?

Ich würde mir wünschen, dass es mehr Beratungsstellen auf Länder-Ebene gibt. Ich habe das Gefühl, dass es mittlerweile bei den Kommunen sehr wohl angekommen ist, dass Verantwortung für die Auswirkungen unseres Konsums übernommen werden muss. Die Kommunen fühlen sich da aber oftmals alleine gelassen. Bundesländer wie Bremen und Schleswig-Holstein haben Stellen geschaffen, die speziell dazu beraten. Viele andere Bundesländer haben das aber nicht. Es gibt zwar bundesweite Stellen, die haben aber nur begrenzte Kapazitäten. Ein konkreter Wunsch wäre daher, dass die Bundesländer Beratungsstellen schaffen und dauerhafte Kompetenzstellen vorhanden sind, die Kommunen zu unterstützen.

Ein weiterer Wunsch ist, dass es ein Lieferkettengesetz gibt. Die faire öffentliche Beschaffung ist ein konkretes Mittel, wie man Verbesserung erreichen kann. Das unterstütze ich auch sehr. Die Unternehmen reagieren natürlich auf die Nachfrage der öffentlichen Hand, würden aber ganz anders reagieren, wenn gesetzlich gefordert ist, Risiken in der Lieferkette zu identifizieren und dagegen anzugehen. Das würde zu mehr etablierten Nachweissystemen führen. In Deutschland und in anderen Staaten wird ein Lieferkettengesetz aktuell diskutiert. In Frankreich gibt es das schon. Ich hoffe ganz stark, dass das Gesetz kommt.

Kontakt und Links:

www.femnet.de
www.femnet.de/fairebeschaffung

Rosa Grabe
Projektleitung Faire Öffentliche Beschaffung

FEMNET e.V.
Kaiser-Friedrich-Straße 11
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Phone: +49 228 90 91 73 09