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Wie gelingt Kommunen der Transfer in die Bioökonomie?

26. März 2023
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Wie gelingt Kommunen der Transfer in die Bioökonomie?

Im Interview: Ute Papenfuß, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR)* | Fachinformation Nachhaltige Beschaffung

Was ist Bioökonomie, Frau Papenfuß?

Papenfuß: Laut Definition der Bundesregierung ist Bioökonomie eine Wirtschaftsform, die auf der Erzeugung und Nutzung von nachwachsenden Ressourcen basiert. Das betrifft Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren. Der Transfer unserer Wirtschaftskreisläufe in die Bioökonomie soll dazu führen, dass weniger bis gar kein zusätzlicher Kohlenstoff ins Klimasystem eingebracht wird. 


Warum sollten Produkte, die auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellt werden, sowie klimaneutrale Dienstleistungen bei öffentlichen Aufträgen den Vorrang erhalten?

Papenfuß: Klimaschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der öffentliche Auftraggeber gemeinsam eine Vorreiterrolle einnehmen können. Mit jedem Schulbau, jeder Bepflanzung, jedem Schreibtisch und jeder Rolle Recyclingtoilettenpaper wird Nachhaltigkeit vorgelebt. 
Erzeugnisse aus biobasierten oder rezyklierten Rohstoffen schonen die natürlichen Ressourcen, denn die Pflanzen absorbieren während der Photosynthese das Klimagas CO2 aus der Atmosphäre und fungieren so als CO2-Speicher. Bei Recyclingpapier zum Beispiel bleibt Kohlenstoff auch nach vielen Recyclingzyklen in den Papierfasern gebunden. Neben dem ureigensten Ziel der Vermeidung von CO2-Ausstoß darf man auch die Bedeutung der Bioökonomie als Wirtschaftsfaktor nicht unterschätzen. Viele Produkte, die wir in unserem Alltag verwenden, sind bereits aus Holz, Naturfasern, Pilzen, Zucker, Stärke oder pflanzlichen Ölen hergestellt – von der Gesichtscreme über die Zahnpasta bis hin zu Dämmstoffen, Kaffeebechern, Blisterverpackungen, Müllbeuteln und Kunststoffgehäusen. Eines der erklärten politischen Ziele ist daher auch, Deutschland zu einem führenden Innovationsstandort der Bioökonomie auszubauen. 

Welche Beschaffungsfelder werden in den Kommunen derzeit priorisiert?

© Papenfuss/FNR

Papenfuß: Am weitesten verbreitet ist nachhaltiger Einkauf derzeit in den Bereichen Büro und Verwaltung – und hier vor allem bei den C-Teilen, also niedrigpreisigem Verbrauchsmaterial. Entsprechend der Nachfrage wächst das Angebot an Produkten aus Recyclingpapier und -Wellpappe, Biokunststoffen und Naturstoffen für die Bereiche Büromöbel, Papier- und Drucksachen, Verpackungen und Catering. Green IT ist oft noch ein Nischenthema. Hier empfehle ich die Leitfäden des Umweltbundesamts zur umweltfreundlichen Beschaffung von Hard- und Software.

Den mit Abstand stärksten, klimawirksamen Hebel hat jedoch der Bereich Bauen und Sanieren von Liegenschaften. Man muss sich ins Bewusstsein rufen, dass die CO2-Emissionen aus Neubauten und laufender Gebäudenutzung für ganze 40 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich sind. Das erklärte Ziel der Bundesregierung ist es, jährlich 400.000 neue Wohnungen zu bauen – klimagerecht und bezahlbar. Ein großes Thema ist dabei die Erweiterung und Aufstockung bereits bestehender Gebäude sowie die innerstädtische Nachverdichtung. Holz ist für diese Anforderungen bestens geeignet. Modulares und serielles Bauen mit Holz wird für Kommunen eine immer größere Rolle spielen. Die moderne Holzmodulbauweise ist z.B. optimal für den Schul- und Kita-Bau, um dem enormen Bedarf an Bildungseinrichtungen zu begegnen, wird aber auch im städtischen Wohnungsbau relevant werden.

In diesem Zusammenhang hochaktuell ist die nachhaltige Wärme- und Energieversorgung als grundlegender Teil der Daseinsvorsorge. Die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der jüngsten Zeit haben gezeigt, wie wichtig es ist, das Kommunen sich hier möglichst unabhängig aufstellen und die regional verfügbaren nachhaltigen Ressourcen aktivieren. Das ist idealerweise eine intelligente Kombination verschiedener erneuerbarer Energien, inkl. nachwachsenden Rohstoffvorkommen.

Im Bereich Liegenschaftsverwaltung gibt es darüber hinaus Potenziale bei der Beschaffung von Fahrzeugen, Reinigungsmitteln, Schmierstoffen, Fetten und Ölen für Maschinen, torffreien Substraten für Außenanlagen, Düngemitteln, Schädlingsbekämpfung, Streumittel und Holzbauten. Last, but not least können Kommunen in ihrer Funktion als Veranstalter Vorbild bei umweltfreundlichen Lösungen für Messebau und Messetechnik, Beschilderung, Unterlagen, Deko, Give-Aways, Energieversorgung oder Catering sein. 

Wo finden die Einkaufsverantwortlichen öffentlicher Verwaltungen entsprechende Produkte?

Papenfuß: In der FNR-Produktdatenbank Die nachwachsende Produktwelt sind mehr als 6.000 biobasierte Produkte aus den verschiedensten Warengruppen gelistet. Speziell für Büroartikel – von der Büroausstattung über Materialien zur Innenraumgestaltung bis hin zu elektronischen Geräten – wurde die Büroartikel-Datenbank Das nachwachsende Büro ins Leben gerufen. Mehr als 1.000 biobasierte Produkte sind bereits hinterlegt. 


Wird nachhaltige Beschaffung vom Kann zum Muss?

Papenfuß: Davon ist auszugehen. Der Gesetzgeber gibt mit Kreislaufwirtschaftsgesetz, Klimaschutzgesetz, Taxonomie-Verordnung, Lieferketten(-sorgfaltspflichten-)gesetz mehr und mehr den Rahmen vor. Allerdings fehlt im Verwaltungsalltag neben klaren Zuständigkeiten oft noch das Detailwissen, um entsprechende Einkaufs-Guidelines aufzusetzen und Ausschreibungen zu formulieren. Einer aktuellen Studie der Universität Würzburg zufolge agiert die Mehrheit der öffentlichen Auftraggeber weiterhin ohne zentrale, nachhaltige Beschaffungsstrategie, obwohl Umwelt- und Klimaschutzaspekte bei einzelnen Warengruppen und Beschaffungsfeldern durchaus eine Rolle spielen. Die Studie hat ergeben, dass für knapp 25 Prozent der öffentlichen Auftraggeber Nachhaltigkeitsaspekte bei Einkaufsentscheidungen besonders relevant oder sogar ausschlaggebend sind. Das zeigt einen positiven Trend, aber natürlich ist auch noch viel Luft nach oben.

Welche konkreten Handlungsschritte empfehlen Sie Kommunen, die den Weg in die Bioökonomie institutionalisieren möchten?

Papenfuß: Das Wichtigste ist erst einmal ein klarer Beschluss der politisch Verantwortlichen, so weit wie möglich biobasierte und rezyklierte Produkte zu beschaffen. Dieser muss sich in der Einrichtung einer zuständigen Stelle in der Verwaltung sowie verbindlichen Beschaffungsleitlinien widerspiegeln. Als Unterstützung hat die FNR Formulierungs- und Ausschreibungshilfen sowie Leitfäden ausgearbeitet. Darüber hinaus müssen andere Methoden für die Wirtschaftlichkeitsberechnung zum Tragen kommen. Für Beschaffungen des Bundes gilt seit 2022 die AVV Klima. Sie gibt vor, dass CO2-Schattenpreise eingerechnet werden müssen. Sprich, es wird bereits im Einkauf die über den gesamten Lebenszyklus ausgestoßene CO2-Menge als Kosten einberechnet. ⁠Bezieht man bei Einkaufsentscheidungen Kriterien wie Lebenszykluskosten, CO2-Schattenpreise, Umwelt- und Gütezeichen oder das europäische Umweltmanagement- und Auditsystem EMAS ein, gewinnen ganz oft die nachhaltigen Kandidaten. Ganz wesentlich ist auch das „Mitnehmen“ aller Beteiligten, denn es gibt vielerorts Vorbehalte gegen biobasierte Produkte oder man erkennt die Notwendigkeit nicht. Auch hier bieten wir mit Online-Seminaren und Themenheften, die in der FNR Mediathek zum Download bereitstehen, Hilfestellung. 

*Die FNR ist Projektträger des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Zu ihren Aufgaben zählt neben der Förderung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben auch Informationsvermittlung zum Thema Bioökonomie. So bietet die FNR-Fachinformation „Nachwachsende Rohstoffe im Einkauf“ Städten, Gemeinden sowie Institutionen der öffentlichen Hand Hilfestellungen für die umweltfreundliche Beschaffung von biobasierten Produkten in verschiedensten Bereichen – vom Büro über Reinigungsmittel, Gartenbedarf, Spielzeug und Tagungsausstattung bis zum Bauen mit Holz.


Zum Foto von Frau Papenfuss: © R. Lange. Zum Bild Handlungsfelder: © Papenfuss/FNR

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